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Technokultur im Wohnzimmer

Istanbul ist wie Berlin: Es gibt verlassene Altbauten, Techno-DJs, Partymacher und jede Menge junge Leute. Und dennoch bleibt die Elektro-Szene eine Nische, wird nicht zur Massenbewegung. Die Polizei ist nur zum Teil schuld daran. In der Stadt gibt es einfach kein großes Publikum für fette Bässe  

Sie tragen Schnurrbärte. Nicht diese zurechtgestutzten, wohldosierten Oberlippenaccessoires, die man in Berlin zu engen Jeans und tief ausgeschnittenen T-Shirts trägt. Nein, diese Jungs haben richtige Bärte, dick, fransig, bis über die Lippen. Sie drängen sich im Souterrain in einer Istanbuler Seitengasse, DJ Eren hat einen neuen Track aufgelegt und schiebt den Regler für den Bass nach oben. Und so, wie der Istanbuler Schnauzer sich von dem Berliner unterscheidet, so ist auch die Musik, die Eren auflegt, ein bisschen anders: House zwar, deep, wie ihn gerade alle mögen, erdig, aber ein bisschen mehr Slowmo, ein bisschen mehr so, wie der Rhythmus des Ostens klingt, treibender, verspielter.

Der Student DJ Eren ist einer der wenigen Elektro-DJs in Istanbul


Partys, auf denen diese Musik läuft, muss man, anders als in Berlin, in Istanbul suchen. Das Otto in Beyoglu, dem Szeneviertel im Norden der Stadt auf der europäischen Seite des Bosporus, ist einer der wenigen Elektroclubs der Stadt. Tagsüber ist der Laden im Kellergeschoss eine Pizzeria, abends stellt der Besitzer die Stühle in den Hinterraum, und das Restaurant wird zur Tanzfläche. Dann legen DJs wie der 27-jährige Eren auf, von denen es in der ganzen Stadt nur eine Handvoll gibt.

Tagsüber Pizzeria, nachts Club: Otto in Istanbul

Istanbul ist eine Metropole mit rund 13 Millionen Einwohnern, 60 Prozent der Istanbuler sind unter 30 Jahre alt. Es gibt sieben öffentliche und mehr als 20 private Universitäten. Taksim, der Teil von Beyoglu, wo einst Konstantinopel lag, ist ein Gewirr aus kleinen Gassen, die sich in aberwitzigen Steigungen rund um den Galata-Turm schlängeln. Die Häuserwände sind voller Graffiti. Ein verlassener Altbau steht neben dem nächsten. So ähnlich sah Berlin-Mitte in den 90er Jahren aus. Istanbul scheint wie gemacht für Nachtleben, für Underground-Clubs, für Techno-Massenveranstaltungen, bei denen niemand an morgen denkt. Doch niemand kommt auf die Idee, in einem der leer stehenden Häusern eine illegale Bar, geschweige denn eine Großraumdisko, aufzumachen, Turntables und Soundanlage aufzustellen, dazu ein paar Kästen Bier, um dann zu feiern, bis die Polizei kommt.

“Wir können einfach nicht raven”, sagt DJ Eren dazu knapp. Einige Tage nach seinem Gig im Otto sitzt er auf einem Hocker in einem Einfamilienhaus im Wohnviertel Besiktas, unweit der Galatasaray Universität, vor ihm Mischpulte und Computerbildschirme. In diesem Einfamilienhaus ist das Studio von Vesvese, Istanbuls einzigem Elektrolabel. Gegründet hat es vor einem Jahr Kaan Düzarat. Zuvor hat er jahrelang als Moderator beim elektronischen Radiosender Dinamo House-Musik eine Plattform gegeben. Jetzt promotet er mit seinem Label DJs wie Eren. Oder Emrah, der neben Eren steht und sich, weil sich sein T-Shirt leicht über dem Bauch spannt, DJ Fattish nennt. “Seit etwa zehn Jahren beginnt Elektro in Istanbul langsam populärer zu werden”, erzählt Labelchef Kaan. Der Radiosender Dinamo hat immer wieder Partys veranstaltet, vor zwei Jahren gab es außerhalb von Istanbul ein großes Open-Air-Festival.

DJ Fattish (l.) und Vesvese-Labelchef Kaan

Die Vesvese-DJs pendeln zwischen zwei, drei Clubs. Einer davon ist die MiniMüzikhol. Betreiber Minas ist so etwas wie das Enfant terrible des Istanbuler Nachtlebens, ein Querkopf, ein Pionier. Wenn man den Underground sucht, findet man Minas.
Wenige Stunden bevor sein Club an einem Freitag öffnet, steht er am Tresen und bestellt einen Raki. Er trägt Glatze zum Trucker-Bart, er ist schmal, 36 Jahre alt. Von draußen tönt blechern die Stimme des Muezzin, die zum Abendgebet ruft. Den Club wird Minas heute nicht vor sechs Uhr morgens verlassen.

Enfant terrible des Istanbuler Nachtlebens: Clubbetreiber Minas

Minas hat bereits vor 20 Jahren seinen ersten Laden in Istanbul aufgemacht. Anfang der Neunziger hat er seinen ersten Partys organisiert, in einem Keller in Galatasaray, ohne Strom, ohne Wasser, illegal, dann ging es weiter in einem kleinen Ladenlokal, in dem seine Familie jahrelang eine Schneiderei hatte. Die Partys verbreiteten sich über Mundpropaganda und Flyer, sie spielten Acid Jazz, Trip-Hop, Chicago House, später dann Drum’n’Bass. Von Anfang an holte er DJs aus ganz Europa nach Istanbul in seinen kleinen Laden, aus Zürich, Paris, Marseille und immer wieder aus Berlin. André Galluzzi und die Ostgut-Clique, Riccardo Villalobos, sie alle spielten auf Minas Partys, ohne Gage, meistens nur vor ein paar Dutzend Leuten, dafür aber bis zum nächsten Morgen. “Wir hatten einen Höllenspaß”, sagt Minas. Doch da war die Polizei, die er bei Laune halten musste. Anders hätte es nicht funktioniert. Irgendwann hatte er es satt, regelmäßig im Polizeipräsidium ein- und auszugehen, um sich gutzustellen mit dem System, mit dem er eigentlich nichts zu tun haben wollte. Vor acht Jahren machte er den Laden zu.


Auch der letzte und einzige größere Club, das Crystal, in dem der Radiosender Dinamo Elektropartys veranstaltete, schloss irgendwann. Die DJs spielen in kleinen Off-Locations vor vielleicht 100 Leuten. “In Istanbul gibt es einfach kein großes Publikum für elektronische Musik”, sagt Eren. Die jungen Istanbuler mögen den Mainstream, den türkischen Pop, den DJ Eren nur “Eastern Country” nennt. Während nachts die Istiklal, die große Shoppingmeile Istanbuls, voller junger Menschen ist und aus den Läden laute Popmusik scheppert, während in den Gassen Straßenverkäufer Tequilashots aus Bauchläden verkaufen, bleiben Clubs wie das 11:11, wo Vesvese im März seine erste Labelnacht feierte, leer. Ausgehen, das ist in Istanbul sich unterhalten, sich kennenlernen. Wenn man dazu tanzen muss, gut. Aber nur wegen der Musik in einen Club gehen?


Vielleicht liegt es an dem Lebensgefühl der Ü-20er Istanbuls, das Eren so beschreibt: “Fernsehserien, Fußball, Facebook.” Und: “Alles ist standardisiert.” Studienplätze sind rar, die Aufnahmeprüfungen hart. Man studiert, was man kriegt, was später Geld bringt. Da ist wenig Platz für nächtliche Eskapaden. Alles muss einen gradlinigen Lebensweg ergeben, dazu passt es nicht, sich bei Techno in einer After Hour zu verlieren.


Und das mit dem Feiern, bis die Polizei kommt, findet man in Istanbul auch weniger lustig als in Berlin. “Der Underground in Istanbul findet allenfalls zu Hause statt”, sagt Vesvese-DJ Fattish. “Die Leute haben Angst, dass sie verhaftet werden”, sagt Fattish. Was dann passieren würde? Eren, Fattish und Kaan schweigen. Dann sagt Eren schließlich zögernd: “Es würde zumindest nicht nett werden.”


Es ist eine diffuse Angst, die sie vor den Behörden haben. Sie haben noch nie von solchen Verhaftungen gehört, aber sie wollen es eben auch nicht darauf ankommen lassen. Der Respekt vor der türkischen Polizei ist ihnen von Kindesbeinen an mitgegeben worden. Als im Januar in der ganzen Stadt Leute auf die Straße gingen, um Hrant Dink zu gedenken, des armenischen Schriftstellers, der vor vier Jahren in Istanbul auf offener Straße ermordet wurde, war auch Eren dabei. “Aber wenn ich meiner Mutter davon erzählt hätte, hätte sie sich große Sorgen gemacht”, sagt er.


Auf der Suche nach den Gründen für den vorauseilenden Gehorsam landetman schnell in den 80er Jahren. Das Militär putschte sich an die Macht, verbot alle politischen Parteien. Es folgten Jahre der Angst und Unterdrückung Oppositioneller. Die kreative Szene Istanbuls verschwand in dieser Zeit, ins Ausland, in den Gefängnissen. Übrig geblieben ist bis heute dieses Gefühl, die Regierung sei groß und mächtig. “Da ist dieser unsichtbare Druck”, sagt Eren, “wir sind paranoid.” Vor zwei Jahren gab es den bisher letzten Putschversuch in der Türkei. “Unsere Demokratie ist noch sehr jung”, fügt Fattish hinzu.


Aufgeben wollen die Istanbuler Jungs auf keinen Fall. Dabei, so Eren, gebe es nicht einmal einen guten Plattenladen in der türkischen Hauptstadt. Der Austausch, im Internet, mit anderen DJs, aber auch der Blick auf andere Städte ist wichtig für die Istanbuler Elektroszene. “Das Internet ist längst zur wichtigsten Plattform geworden”, sagt Eren. “Ohne Internet könnten wir gar nicht spielen.” Vinyl bestellt er in London, MP3s lädt er von Beatport runter, seine eigenen Tracks lädt er auf Soundcloud hoch.


Und Berlin ist die Stadt, auf die man in der türkischen Hauptstadt guckt. Für vier Monate war DJ Eren mit einem Programm des Goethe-Instituts in Berlin. Als Student. In Istanbul studiert er Musiktheorie und Toningenieur an der Bilgi-Universität. In Berlin wollte er Deutsch lernen, und er war am SAE-Institut eingeschrieben. Zum Studieren kam er nicht, stattdessen verlor er sich im Berliner Nachtleben, in der Wilden Renate, im Berghain, im Weekend. “Ausgehen ist in Berlin so ein alltägliches Ding”, sagt Eren.


Umgekehrt waren Berliner DJs auch schon in Istanbul, zum Auflegen, wie etwa Till von Sein. Labelchef Kaan hatte ihn über Soundcloud entdeckt. Im vergangenen Jahr hatte er Till von Sein zu einer seiner Vesvese-Partys eingeladen. Das war im März 2010 im 11:11. “Till ist toll, wir hatten eine Menge Spaß zusammen”, sagt er.

Der Club 11:11, ein Drink kostet umgerechnet 12 Euro

Fragt man Till, was er vom Istanbuler Nachtleben hält, sagt er: “Posh!” Im 11:11 gibt es Konstantin-Grcic-Barhocker, an der Decke hängen Boxen, die aussehen wie Trockenhauben im Friseursalon, auf den Tresen stehen Wodkaflaschen in Eiskühlern und dahinter Barmädchen im Geisha-Kostüm. Till fragte sich damals: “Wo bin ich denn hier gelandet?” Mit dem Handy fotografierte er staunend die futuristische Kubuskonstruktion an den Wänden.”Vor dem DJ-Pult tanzte die türkische Supertalent-Gewinnerin mit Schampusflaschen und ihren Freunden”, sagt er. Nachtleben ist etwas, was man sich leistet, wenn man genug Geld hat, um 25 Lira (umgerechnet etwa zwölf Euro) für einen Longdrink zu bezahlen.”Die Party war okay, aber kein Knaller”, sagt Till. Der Sound war perfekt, und von den DJs war er begeistert: “Die Jungs in Istanbul sind unheimlich fokussiert.”

MiniMüzikohl, der Club von Minas

Auch Minas hat sich nicht unterkriegen lassen. Die letzte Party in seinem Club, dem MiniMüzikhol, hieß “House Side Of The Moon”. Die jungen Kreativen Istanbuls sind fasziniert von den Siebzigern, entdecken die eigene Musikgeschichte, die Jahre vor der Militärregierung. Damals entstand psychedelische Rockmusik, die Avantgarde war. Diese alten Songs werden gerade von so Leuten wie Eren und Fattish wieder ausgegraben, in Kaans Studio mixen sie sie mit House.


Die Istanbuler Elektro- und Partyszene ist überschaubar, ja fast gemütlich. Und es sieht auch nicht so aus, als würde sich das in nächster Zeit ändern. Trotz des Engagements und der Beharrlichkeit ihrer Protagonisten. Zum Schluss sagt Eren etwas, das sich wohl der ein oder andere in Berlin auch gelegentlich wünscht, während er sich mit fast tausend Menschen durch einen riesigen Club von Tanzfläche zu Tanzfläche schiebt: “Wir sind eine kleine Szene, aber das macht es auch intimer”, sagt Eren. “Und eigentlich bin ich ganz zufrieden mit den Clubs in Istanbul. Vor meinen DJ-Pult stehen Leute, die ich kenne.” Es geht ihm darum, die Musik zu teilen. Und das geht besonders gut mit nur ein paar Leuten, in einem kleinen Keller, der tagsüber eine Pizzeria ist.

Autor: Anne Lena Mösken

Fotos: Skye von der Osten

Veröffentlicht in tip Campus 1/2011, April 2011

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