Gärtnern auf dem Ex-Flugfeld oder Zwischennutzung von oben

Marisol Schulze hat Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder studiert. Für ihre Bachelorarbeit hat sie viel Zeit auf dem ehemaligen Flugfeld des Tempelhofer Flughafens verbracht. Ihr Thema: ” Tempelhofer Freiheit? – Zwischennutzung als städtisches Konzept am Beispiel des Tempelhofer Feldes”.
tip Campus: Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?
Marisol Schulze: Das Thema Stadtentwicklung hat mich gegen Ende meines Studiums mehr und mehr interessiert. Zunächst hatte ich ganz unterschiedliche Ideen im Hinblick auf aktuelle stadtpolitische Themen, bis ich dann auf das Thema Tempelhofer Feld gestoßen bin. Ich wohne nicht weit von dort, es ist ein sehr aktuelles Thema und ich wollte gerne wissen, was auf dem Feld passiert.
tip Campus: Mit welchen wissenschaftlichen Methoden haben Sie gearbeitet?
Marisol Schulze: Ich habe Leitfadeninterviews mit Initiatoren verschiedener Zwischennutzungsprojekte geführt, zum Beispiel mit dem Initiator des Projekts Cultural Players, ein Projekt der Berliner Kunsthalle und der Stadtagenten. Darüber hinaus habe ich an Versammlungen teilgenommen und mittels teilnehmender Beobachtung meine empirische Arbeit gestützt.
tip Campus: Was für Versammlungen waren das?
Marisol Schulze: Ich war bei den Treffen von zwei Gartengemeinschaftsprojekten dabei. Zum einen haben sich Gärtner zusammengetan, die schon in anderen – häufig auch durch Zwischennutzung entstandenen – Gärten tätig sind. Zum anderen habe ich ein Treffen besucht, bei dem sich eine WG und Freunde zusammengetan haben, die ein Stück des Feldes zum Gärtnern, für Bienenzucht und zum Boulen nutzen wollen.

tip Campus: Auf welche Schwierigkeiten sind Sie bei der Recherche gestoßen?
Marisol Schulze: Schwierig wurde es, als ich bemerkt habe, dass ich nicht mit allen Beteiligten Interviews führen kann. Gerne hätte ich neben den Bewerbern auch mit der institutionellen Seite gesprochen, mit den Verantwortlichen für den Wettbewerb. Das war leider nicht möglich.
tip Campus: Zwischennutzung gibt es ja in Berlin schon lange. Was ist das Besondere an der Zwischennutzung des Tempelhofer Feldes?
Marisol Schulze: Die Stadt Berlin wagt erstmals einen neuen Weg: Um die Fläche nicht brachliegen zu lassen, solange noch keine endgültigen Entscheidungen getroffen sind, sind die ersten Nutzer des Tempelhofer Feldes Zwischennutzer. Damit entstand eine neue, so nie versuchte, institutionalisierte Form der Zwischennutzung. Denn für gewöhnlich ist Zwischennutzung ja das Gegenteil der von oben geplanten Stadtentwicklung: Sie entsteht meist aus der Initiative von Individuen oder Gruppen, die freien Raum in ihrer Umgebung nach ihren Interessen gestalten.
tip Campus: Welches Projekt hat Sie besonders beeindruckt?
Marisol Schulze: Die Gärtner, die mit sehr viel Ausdauer den bürokratischen Hürden zum Trotz ihre Idee als eine der wenigen durchgesetzt haben. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich dort vorbeigehe: Es sieht einfach toll aus.

tip Campus: Welche Schlussfolgerung haben Sie gezogen? Eignet sich Zwischennutzung als institutionalisiertes städtebauliches Konzept?
Marisol Schulze: Einerseits ist es eine gute Idee, Bürger zur Teilhabe aufzurufen und sie bei der Gestaltung der Brachflächen miteinzubeziehen. Andererseits ist das Ganze dann mit endloser Bürokratie verbunden. Die Frage ist, ob diese Form der institutionalisierten Zwischennutzung nicht letztendlich nur der Stadt zugutekommt, die zunächst Bürgerbeteiligung zulässt, die Nutzung vertraglich auf drei Jahre begrenzt und dann das macht, was eh schon lange geplant war, ohne Rücksicht auf die Interessen der Bürger. Dennoch kann sie jederzeit behaupten, die Bürger seien ja in die Stadtpolitik miteinbezogen worden. Es bleibt das Paradox: die schöne und spannende Zwischennutzung einerseits und das Tragische und eben nur Endliche der temporären Nutzung andererseits.
Interview: Katharina Wagner
Fotos: Oliver Wolff